Der lange Weg zur zweiten Chance

Es begann im Jahr 2010 nach einer Erkältung, die einfach nicht besser werden wollte. Der Weg zum Arzt blieb mir diesmal nicht erspart. Das Ergebnis der Untersuchung war COPD II, 60%  Lungenfunktion und erstmal zu Hause bleiben.

Krankenstand- ich doch nicht und was ist überhaupt COPD fragte ich mich. Ich rauche doch schon seit über 5 Jahren nicht mehr. „Also gut sagte ich mir, nehme ich halt diesen Spray „. Aber ansonsten merkte ich nicht viel und ging weiterhin auf den Bau arbeiten, auch dann, wenn ich mal krank war, ich war ja gesund und abgehärtet, dachte ich mir zu diesem Zeitpunkt zumindest.

Es ging mir ansonsten so ziemlich gut, und ich verdrängte alles ziemlich erfolgreich. Im September 2014 hat es mich dennoch gröber erwischt. „Okay, dann bleibe ich halt ein paar Wochen zu Hause“. Ich bekam Cortison und Infusionen und es brachte Erleichterung für mich. Nach zwei Monaten wollte ich unbedingt wieder arbeiten gehen, aber das ich keine Kraft mehr hatte und mir die Luft bei der kleinsten Anstrengung wegblieb, wollte ich einfach nicht wahrhaben. Die Rechnung für mein erneutes Verdrängen bekam ich dann im November des gleichen Jahres.

Nach fünf Wochen Spitalaufenthalt in LKH-Hohenems, wo ich 24 Stunden mit Sauerstoff versorgt wurde, kam mir das alles wie ein Film vorin dem ich nicht mitspielte. Mit Sauerstoffkonzentrat und mobilem Sauerstoffgerät, neben vielen Medikamenten, wurde ich nach Hause entlassen. „Was mache ich jetzt ? das wird schon wieder werden“, sagte ich mir.


Langsam musste ich mich daran gewöhnen zu Hause zu bleiben. In meinem Hobby, dem Fischen fand ich eine neue Aufgabe. Auch schaffte ich mir einen Hund an, der mir auch heute noch sehr viel Freude bereitet.


Auch wenn mir nach einer Erkältung die Luft wegblieb, so erholte ich mich über Monate, jedoch immer wieder aufs Neue. Ich war immer noch im Krankenstand und musste nach einem Kuraufenthalt die Sauerstofftherapie nur mehr Nachts und bei Anstrengung  anwenden.  Na das geht doch, ist ja nicht so schlimm. „COPD eine tödliche verlaufende Krankheit? Nein, bei mir sicher nicht, ich kann doch immer noch soviel machen

Ich schloss mich einem Verein für Lungenerkrankungen an, und nahm an den regelmäßigen Treffen teil. Dabei merkte ich, da gab es da Mitglieder denen es viel schlimmer ging, als mir. Diese hatten immer das Sauerstoffgerät mit, ich jedoch brauchte es nur in der Nacht und bei Anstrengung nahm ich es nicht. Denn wie schaute denn das aus, das ging dann auch ohne. Andere Mitglieder fuhren mit dem Fahrrad oder Motorrad, fliegen mit dem mobilen Sauerstoffgerät in den Urlaub. „Ist doch alles gut“. COPD war bei mir immer noch nicht angekommen. Der Mechanismus des Verdrängens funktionierte immer noch gut.

Meinen letzten Flug und eine Party hatte ich zu meinem 50 zigsten Geburtstag, ein Jahr vor meiner ersten Diagnose, noch vermisse ich nichts, konnte ich doch noch alles machen. Zwar mit Einschränkungen, aber es ging. „Ich habe doch noch so viel vor in meinem Leben und so viel Zeit“.


Im Februar 2019, wurde bei einer Untersuchung ein Schatten auf meiner Lunge festgestellt. Immer dieses Warten, Untersuchung reihte sich an Untersuchung. Nie eine sichere Diagnose, ist es Krebs oder eine harmlose Sache. Das zerrte an mir, dazu kam noch das meine Mutter schwer erkrankt war und meine Hilfe brauchte. Ich hatte ja Zeit mich um sie zu kümmern, dabei ich mich selbst vergaß und meine eigene Krankheit verdrängte. Ich machte den Fehler mich komplett zu überfordern und nicht auf mich und meine innere Stimme zu hören.

Das führte zu mehreren Lungenentzündungen und Spitalsaufenthalten. Nach unendlich langen 8 Monaten warten, Ungewissheit und Hoffen, wurde dann bestätigt, daß der Schatten auf meiner Lunge kein Krebs ist. Aber dafür meine COPD- Erkrankung soweit fortgeschritten war, das ich nichts mehr selbständig machen konnte. Ich litt unter Angstzuständen und Panikattaken, konnte nicht mehr alleine sein und immer wieder hatte ich Erstickungsanfälle. Ich bekam  ein Notrufarmband und ein Pflegebett, weil es mir nicht mehr möglich war in mein Schlafzimmer, welches im ersten Stock ist, hochzusteigen.


Im Jänner 2020 kam dann, die Diagnose, das nur noch eine Transplantation meine Leben retten konnte. „ Transplantation?  Das wird ja oft gemacht, ist sicher nicht so schlimm, man hört ja immer mal wieder davon“. Nach einem ausführlichen Gespräch mit Fr.OÄ. Dr. Bucher in der Klinik in Natters, Tirol, stand für mich fest; „ Ich will weiterleben, aber nicht wie jetzt“.  Also nahm ich die Herausforderung an.

Auf Vorschlag von Fr. OÄ. Dr. Bucher nahm ich Kontakt zu der Selbsthilfegruppe Vorarlberg der Herz- und Lungentransplantierten auf. 2 Stunden später standen Silvia und Werner da. Von da an standen Werner und Silvia, sowie die ganze Selbsthilfegruppe hinter uns. Ich dachte mir: „ Was die sind alle transplantiert, und können so natürlich Leben?  Die meisten von Ihnen haben dasselbe durchgemacht, manche noch schlimmer, und jetzt sind sie für andere da und geben jede mögliche Unterstützung. Ich will, ja ich will leben, ich will wieder ein normales Leben, ich will wieder mit meinem Hund spazieren gehen, ich will Fischen, Pizza essen, Auto fahren, mit meiner Frau alt werden“. Nun wusste ich: „Alles ist möglich, es geht, ich werde kämpfen. Ich will leben“.

Nun musste ich viele Untersuchungen über mich ergehen lassen, weil mein Körper vollkommen gesund sein musste, damit ich ein neues Organ erhielt. Meine liebe Frau organisierte sämtliche Arzttermine und Untersuchungen, was aber nicht immer einfach war, weil ich immer wieder ins Spital musste, wegen den wiederkehrenden Infekten. Die Voruntersuchungen waren nicht immer leicht und dazu erschwerend kam noch Corona hinzu.

Durch Corona wurden Termine abgesagt oder verschoben. Die permanente Angst sich mit diesem Virus anzustecken, war immer im Hinterkopf. „ Nur nicht aufgeben, durchhalten, denn ich habe sie erlebt, die Menschen, die eine Transplantation geschafft haben, ich werde das auch schaffen“. Nach einigen Höhen und Tiefen war ich dann endlich am 10.06.2020 in Natters, um die letzten Untersuchungen zu machen. Aufregend nach diesen stressigen Monaten. Ich fühlte mich in Natters einer neuen Lunge sehr nah. Nach den Gesprächen mit den Transplant- Team war ich Ende Juni endlich auf der Liste für eine Transplantation.

Einer Liste die mich meiner zweiten Chance immer näher brachte. Wie lange musste ich nun warten?  Laut einer Statistik durchschnittlich 4 Monate. Machte Corona mir einen Strich durch die Rechnung ? In meinem Zustand waren 24 Stunden schon lange. Ich kannte mittlerweile Menschen die nur 2 Monate gewartet hatten, aber es gab auch Menschen die fast 3 Jahre auf ein Spenderorgan gewartet hatten. Kann man das überhaubt schaffen? „Ja man kann es“. Alle 3 Monate hatte ich eine Kontrolluntersuchung in Natters, und ich freute mich jedesmal darauf, weil ich wusste, hier schaut man auf mich , hier wird mir geholfen, die wissen wie es mir geht. Es entstand eine Vertrautheit , ich fühlte mich gut aufgehoben. 

Dazwischen gab es wieder Aufenthalte im LKH-Hohenems, die ich immer mit aller Gewalt vermeiden wollte, aber diesen Kampf habe ich leider einige Male verloren, es musste halt sein. „ Ich werde es schaffen, ich will sie, diese zweite Chance“.


Am 28.12.2020 hatte ich wieder mal einen Kontrolltermin in Natters. Ich spürte schon eine Weile vorher wie schlecht es mir wieder ging, aber ich musste es aushalten, irgendwie. In Natters kam ich umgehend auf die Intensivstation, wie schon so oft wegen einer Lungenentzündung. Wieder weg von der Liste, aber das wusste ich damals noch nicht. Ich war schon einen Monat in Natters und es ging mir besser, aber meine Lungenfunktion betrug gerade mal 18 % und alle machten sich große Sorgen. „ Aber ich wollte es unbedingt schaffen und meine Frau stärkt mich immer wieder . Wir schaffen es. Du schaffst es. Alles wird wieder gut“.  Mittlerweile hatten wir uns schon am Bodensee ein Boot gekauft, weil wir beide das Wasser lieben, und weil das uns ein Stück Freiheit gabt, in dieser Corona-Zeit.

Die Nachricht kam persönlich. Als ich immer noch in Natters stationär in bester Betreuung lag, kam am 22.01.2021 die Ärztin zu mir und sagte; „ Hr. Bargetz wir haben ein passendes Organ für sie“. Das war um 11.30 Uhr. Ich wurde mit der Rettung in die Uni-Klinik Innsbruck gebracht, es für war noch nicht sicher, ob auch alles zusammen passt. Ich musste noch einige Stunden warten, hoffen und bangen. Ich habe telefonierte mit meiner Frau dann einige Male telefoniert, war ganz ruhig danach, aber wieder aufgeregt. „Ich sagte mir ich bin hier in besten Händen, ich bin gut aufgehoben“. Alle waren um mich besorgt, haben auf mich aufgepasst. Um 18.00 Uhr sagte ich meiner Frau: „Sie haben mir jetzt die Brusthaare abrasiert“, Worauf sie dann meinte „ Ja mein Schatz dann passt alles und es geht bald los und alles wird gut“.

Um 19.00 Uhr wurde ich in den OP-Saal gebracht und um 4.00 Uhr in der Früh, war sie da, die zweite Chance. Nach einer sehr intensiven Woche  in der UNI-Klinik Innsbruck, an die ich so gut wie keine Erinnerung habe, wurde ich wieder nach Natters gebracht. Alle freuten sich mit mir. „ Ein Wunder ist geschehen und daran habe ich immer geglaubt“.

Unwahrscheinlich schnell ging mein Genesungsprozess. Ich habe zwar einen Zahn verloren, aber etwas wunderbares geschenkt bekommen. Ein neues Leben. 41 Tage nach meiner Transplantation konnte ich am 5.3.21 endlich nach Hause. Vorher unvollstellbar, konnte ich wieder in den ersten Stock hinauf und in unserem Bett schlafen.

Während der ganzen Zeit stand meine Frau in ständiger Verbindung mit der Selbshilfegruppe Vorarlberg der Herz- und Lungentransplantierten ohne die der Weg sicher beschwerlicher gewesen wäre. Es war eine unglaubliche Hilfe und Stütze jederzeit mit Franz, Silvia, Werner, Hilde und vielen anderen in Kontakt zu sein. Wir konnten Fragen stellen, bekamen Motivation weiter zu kämpfen und es tat unglaublich gut zu sehen was man alles schaffen kann, wenn man nur will. Mit Glück, Vertrauen, Glauben und Kampfgeist.

„Es ist vollbracht, jeder Tag ist ein Geschenk und es lohnt sich diesen Weg zu gehen. Ich würde es jederzeit wieder tun. Danke an meine Frau Manuela, Danke an Alle die das möglich machten ,für Ihre Geduld, für ihre Anteilnahme, einfach für Alles“.

Der lange harte Weg für eine zweite Chance ist jede Anstrengung wert. Es lohnt sich dafür zu kämpfen.

„Nochmals Danke an Alle, die für mich da waren und immer noch sind“.

Alles Liebe Euer Peter



Stammtisch am 3.6.21 mit Evi, Josef, Manuela und Peter 


Werner und Silvia übergaben am 30.06.21 einen Lokalgutschein im Wert von € 60.- an Peter u. Manuela

Fotos v. Stammtisch/Übergabe v. Obmann Franz Schiefer